• Aus dem Leben eines Wanderers

    Prequel

    Diese Posts entstanden zu Anfang meiner Reise, weisen keine Struktur auf entsprangen dem Moment. Da sie genauso dazugehören, sind sie hier zusammengefasst, auch wenn es offiziell erst mit dem Kapitel I losgeht.

    Abreise

    Im Zug Richtung Wien.
    Er ist spät dran.
    Laurin wartet dort.
    Ich sitze auf heißen Kohlen.
    Kommen wir noch pünktlich für den Anschlusszug?

    ~*~

    Bepe, ein Reisender aus Linz, quatscht alle an.
    Ein paar hat er schon verscheucht.
    Eine ältere Dame, er und ich kommen ins Gespräch.
    Er erzählt von Amsterdam.
    Ob ich schon einmal in Amsterdam gewesen sei.
    Er prahlt damit was er alles schon in Amsterdam gemacht habe.
    Dann wendet er sich an die ältere Dame, ob sie schon einmal in Amsterdam gewesen sei.
    Die ältere Dame lächelt.
    Aber sie lächelt nicht nur irgendwie, sie lächelt so verschmitzt wie man nur verschmitzt lächeln kann. Ja, gar die Königin der Verschmitztheit ist sie in diesem Moment – und alle müssen laut loslachen.

    Ach das Leben ist schön.
    Die Reise geht los.


    Es wiegt der Nachtzug in den Schlaf

    Hände beim Schauen aus dem Zugfenster

    Reiselektüre

    Und trotzdem ja zum Leben sagen – Viktor Frankl

    Ich las das Buch zum ersten Mal auf dem Rückweg der Auschwitz Reise. Nun lese ich es also zum zweiten Mal.

    Beim letzten Lesen ging es viel um die Erlebnisse dieser Menschen. Und während auch diesmal die Worte mich nicht kalt lassen, so hat es diesmal mir selbst noch persönliche Anstöße gegeben. Anstöße besonders in Bezug auf die vergangenen Monate, die dunkle und schwere Phase mit Sono. Mein Schicksal ist bei weitem nicht vergleichbar mit dem seinigen und doch ist gerade das Besondere an seinem Buch, dass er seine Lehren als universell anwendbar verfügbar macht. Mir hat er damit geholfen wieder in die Leichtigkeit, in das Akzeptieren und in das Geben zu gehen. Gerade diese Stelle klang an:

    Wir müssen lernen und die verzweifelnden Menschen lehren, daß es eigentlich nie und nimmer darauf ankommt, was wir vom Leben noch zu erwarten haben, vielmehr lediglich darauf: was das Leben von uns erwartet!

    […]

    so zwar, daß wir nicht mehr einfach nach dem Sinn des Lebens fragen, sondern daß wir uns selbst als die Befragten erleben, als diejenigen, an die das Leben täglich und stündlich Fragen stellt – Fragen, die wir zu beantworten haben, indem wir nicht durch ein Grübeln oder Reden, sondern nur durch ein Handeln, ein richtiges Verhalten, die rechte Antwort geben. Leben heißt letztlich eben nichts anderes als:
    Verantwortung tragen für die rechte Beantwortung der Lebensfragen, für die Erfüllung der Aufgaben, die jedem einzelnen das Leben stellt, für die Erfüllung der Forderung der Stunde.

    Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry – Rachel Joyce

    Istanbul bei Nacht

    Auf der Fährfahrt von Istanbul nach Bandirma lese ich diesen Fragebogen, ausgefüllt von Ilma Rakusa: https://katjascholtz.de/frageboegen/ilma-rakusa/

    Auszüge daraus:

    Ich brauche Stille, Zeit, Konzentration. Schreiben ist für mich eine Art Meditation, also eine sehr kontemplative Tätigkeit, die aus sich selbst eine Eigendynamik entwickelt. Je mehr ich in die Worte hineinhorche, desto mehr geben sie her. Wie genau das geschieht, weiß ich oft selbst nicht, das ist das Faszinierende am Schreiben. Ich lenke – und werde gelenkt. Ich denke – und werde gedacht. Solche Momente sind beglückend. Irgendwann setzt die Kontrolle ein, das handwerkliche Knowhow. Aber der Flow ist unentbehrlich.

    Wovor hast du Angst?
    Meine persönlichen Ängste könnte ich in einer langen Liste aufzählen, aber das ginge zu weit. Zumal es mehr und mehr Ängste gibt, die uns alle umtreiben. Da sind der schreckliche russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und der Krieg in Nahost, deren Ende nicht abzusehen ist. Da ist die Sorge um das Klima, um den Vormarsch autoritärer Regime, um die Widerstandskraft der Demokratien. Eine Pandorabüchse ist auch die rasante Entwicklung der Künstlichen Intelligenz. Welche Welt uns in zwanzig, dreißig Jahren erwartet – wir wissen es nicht. Die Verunsicherung jedenfalls ist groß.
    Um nicht so düster zu enden, zitiere ich mein „Gedicht gegen die Angst“ aus dem Band „Impressum: Langsames Licht“. Ich habe es als Abwehrzauber geschrieben, in der Hoffnung, dass er bei vielen Lesern und Leserinnen wirkt:

    Streichle das Blatt
    küsse den Hund
    tröste das Holz
    hüte den Mund
    zähme den Kamm
    reime die Lust
    schmücke den Schlaf
    plätte den Frust‘
    neige das Glas
    wiege das Buch
    liebe die Luft
    rette das Tuch
    schaue das Meer
    rieche das Gras
    kränke kein Kind
    iss keinen Frass
    lerne im Traum
    schreibe was ist
    nähre den Tag
    forme die Frist
    lenke die Hand
    eile und steh
    zögere nicht
    weile wie Schnee
    öffne die Tür
    lade wen ein
    schenke dich hin
    mache dich fein
    prüfe dein Herz
    geh übers Feld
    ruhe dich aus
    rühr an die Welt


    Rückblick Istanbul

    Zwischenstopp in Balikeshir
    Innehalten am Waschplatz der Moschee

    Ich danke Mehmet.

    Meinem Host für eine Nacht.

    Zwischen Olivenbäumen, Schafen und dem besten Wasser durfte ich eine erholsame Nacht bei ihm verbringen.

    Zusammen aßen wir, spazierten wir und führten lange Gespräche – ruhige Gespräche, Gespräche mit Pausen, mit Nachdenken und gleichzeitig der beidseitigen Freude am Austausch

    So einfach kann es sein. So schön kann es sein.

    Danke Mehmet.

    Über diese Reise

    Nun, da ich schon mehr als eine Woche unterwegs bin, ist es doch mal an der Zeit, über diese Reise selbst zu schreiben.

    Mittlerweile bin ich in der Westtürkei angekommen – Ayvalik um genau zu sein. Zusammen mit Laurin führte mich der Weg über Bukarest mit dem Zug und von dort aus mit dem Bus nach Istanbul. Dort verbrachten wir noch ein paar Tage, bevor wir dann, der Großstadt überdrüßig, das Weite suchten. Laurin mit dem Fahrrad, ich zu Fuß, mit dem Daumen oder was mir als sonstiges Gefährt so auf dem Weg begegnete.

    Die nächsten Wochen werden wir wohl so weiterreisen: Laurin mit dem Fahrrad und ich mit Besagtem und von Zeit zu Zeit begegnen wir uns wieder und verbringen Zeit zusammen – so auch heute Abend.

    Uns ruft sehr stark die Gegend rund um den Lykischen Weg. Es soll wunderschöne Ecken geben, eine Stadt der Mathematik, viele alte Städte, eine Bucht der Schmetterlinge und vieles mehr.

    Somit ist die nächste größere Station Izmir und von dort geht es dann an der Küste entlang nach Antalya.

    ~*~

    Nach der Türkei geht es durch den nördlichen Irak, sprich die Autonomieregion Kurdistan und von dort in den Iran.

    Doch der Weg nach dem Iran ist es noch offen. Die eine Möglichkeit ist über Pakistan nach Indien – also die schnelle Route. Die andere Möglichkeit ist über Turkmenistan, Usbekistan, Kyrgyzstan, China und dann von Norden nach Indien rein – also die Route „oben rum“.

    Oben rum ruft mich zum Zeitpunkt da ich dies schreibe mehr, doch wird sich noch zeigen welche der Möglichkeiten es werden soll – oder ob sich noch eine ganz andere Route offenbart.

    Aber erst einmal freue ich mich auf die nächsten Wochen. Die wiederholten Zusammentreffen und die Zeit mit Laurin, die Begegnung mit all den anderen Menschen auf dem Weg und auch die Zeit alleine beim Laufen und Schauen – all das lässt mein Herz höher schlagen.

    Auch euch liebe Menschen, die ihr das lest, halte ich im Herzen, trage ich gewissermaßen mit und weiß euch bei mir, so wie ihr mich bei euch wissen könnt.

    All die Liebe

    Jona

    In Fethiye

    Gerade warst du noch in der Stadt. Die Stadt, die etwas kleiner ist und doch alles bietet was du brauchst. Von Anfang an hattest du ein gutes Gefühl bei ihr und als du dich auf einen kleinen Platz setztest, umspielte sie dich mit ihrer Freundlichkeit und ihrem Duft.

    Nun stehst du vor den Toren der Stadt am Sandstrand, es ist so wunderbar warm, du kannst es kaum erwarten ins Meer zu springen.

    Alle Viere von dir gestreckt lässt du dich treiben, den Blick gen Himmel und der Moment wird zeitlos.

    Dann hebst du den Blick und siehst das weite Meer, siehst den langen Strand und auf der anderen Seite der Bucht siehst du die Stadt mit den dahinter thronenden Bergen. Berge, die so unwirklich dort erscheinen mit ihren schneebedeckten Bergkuppen.

    Doch was dich vollends sprachlos werden lässt ist die Gleichzeitigkeit. Du kennst das Meer und du kennst die Berge, aber beides in so schöner Art und Weise an einem Ort vereint?

    ~*~

    Am Abend suchst du dir mit einem dir so wichtigen Menschen einen Schlafplatz unter einem Baum am Strand. Ihr macht ein kleines Feuer und esst Nudeln mit Pesto und frischer Ochsentomate mit Göffeln aus dem Topf.

    Kurz vor dem Schlafengehen läufst du noch am Strand entlang zum Abendspaziergang, schreibst eben genau diesen Text, hebst dann den Kopf und über der Bucht geht der Mond auf.

    Zeit das Handy weg zu legen, my dear. Ja es mag sein, dass all das, die Schönheit, das Lebensgefühl, die Zeitlosigkeit zu groß erscheinen für dein Herz – aber da musst du jetzt durch.

    Gute Nacht