Aus dem Leben eines Wanderers
I
Lykischer Weg

Einleitung
Liebe Freundinnen und Freunde,
ich freue mich wie Bolle, euch die erste Ausgabe dieses Magazins vorstellen zu dürfen.
Die Idee entsprang der Bestrebung die einzelnen Fetzen, die ich hier ja so in den Wochen hochlud, zu etwas Größerem zusammenzufassen.
So ist dies nun der erste Wurf und ich bin gespannt, wohin es weiter geht.
Es ist eingeteilt in verschiedene Rubriken, die da heißen: eine Einordnung wo ich mich gerade befinde (1.), Wissenswertes von dieser Reise (2.), Geschichten mit und von den Menschen, die ich antreffe (3.), eine Fotogalerie (4.), ein Tagebucheintrag (5.), die Witzeecke (6.) und zu guter Letzt eine Meditation (7.).
Wohlan, ich wünsche viel Freude beim Lesen!
All die Liebe
Jona
1. Wo bin ich?
Hier:

In der wunderschönen Stadt Kaş, nachdem ich die letzten Tage den Lykischen Weg an der Westküste der Türkei gelaufen bin.
Davor verbrachten Laurin und ich noch knapp 4 Wochen gemeinsame Zeit und schon ist mehr als ein Monat rum.
Vermutlich werde ich auch noch drei weitere Wochen in der Türkei sein, zwei allein davon gemeinsam mit Mary, die mich besuchen wird, bevor es dann weiter Richtung Sonnenaufgang geht.
2. Wissenswertes von dieser Reise
Die Lykier. Spannendes Völkchen. Ihre ersten Spuren gehen zurück bis in die Bronzezeit (think: ihre Ahnen waren damit etwa soweit von Jesus weg wie wir, nur andersherum).
Sie lagen an einem strategisch günstigen Ort, denn aus Ost oder West kam immer jemand vorbei und wollte was handeln. Geld war da, und es heißt, sie hatten sogar eine Demokratie.
Und gleichzeitig lagen sie an einem strategisch total beschissenen Ort, denn aus Ost und West kam immer jemand vorbei und haute ihn eins auf die Nase. Perser, Alexander der Große, Griechen, Römer, Araber.
Ihre beste Strategie dagegen? Einfach die Kultur aufnehmen. (Think: du bist beim Völkerball der letzte auf dem Feld. Das Beste, was du machen kannst, ist einfach die Bälle, die auf dich geworfen werden, zu fangen).
Am heftigsten taten sie es bei den Griechen.
So krass, dass die Hauptstadt des lykischen Bundes, Patara, einst eine ähnliche Reputation wie Delphi gehabt haben soll. Ja es hieß sogar, im Winter wäre das Orakel in Patara und im Sommer in Delphi gewesen.
Say what!
Doch all good things come to an end und nachdem das byzantinische Reich nochmal überall Klöster hingebaut hatte, kamen die Araber im 7. Jahrhundert und die Gegend verlor an Bedeutung.
Was noch erhalten geblieben ist?
Gräber. Überall Gräber.
Gräbern in die Erde gehauen, Gräber in Felswände gehauen oder gleich die Gräber auf vier Meter hohe Säulen gebaut.
Und Amphitheater: Groß, klein, mit großen Rampen für die Gladiatoren oder mit Bühnen für Theaterstücke.
Und das sind mit Abstand die coolsten Orte, noch heute. Allein hier in Kaş werden sie am Morgen für Yoga und am Abend als Treffpunkt und zum Musik machen genutzt.
Und was ist dann der Lykische Weg?
Der Lykische Weg ist der erste lange und gekennzeichnete Wanderweg der Türkei. Er verläuft an der Küste der Süd-Westtürkei. Er hat eine Länge von 540 km und bei normalem Tempo braucht es 29 Tage um ihn zu laufen. Die Strecke besteht aus Straßen, Feldwegen und meist einfachen Wanderwegen.
Es war nicht der Weg, den die Lykier damals selbst gelaufen sind, sondern er verbindet einfach nur wichtige Orte dieses Völkchens.
Er wurde 1999 von der englischen/türkischen Historikerin, Kate Clow, erforscht, entworfen und gekennzeichnet.
Ich lief nicht den ganzen Weg, sondern nur von Fethiye nach Kaş, also 9 Tage durch wunderschöne Landschaften, hoch in die Berge, wieder runter ans Meer, durch kleine Dörfer und die wunderschöne, frühlingshafte und teils sommerliche Natur.
Ich war selbst überrascht wie viel Geschichte hier überall zu finden ist. Und oft so nebenbei. Einmal schlief ich unter einem Aquädukt, ein andermal in einer Ruine. Dann hieß es von einem Ort, dort wäre Maria geboren, beim anderen St. Nikolaus.
Und trotz all der Geschichte und Natur waren das Schönste und Überraschendste wohl die Begegnungen mit den Menschen, also ab zur nächsten Rubrik.
3. Menschen
Nun gäbe es ja so viel zu erzählen, doch ich nehme mal einen Tag heraus, der doch durch seine schnelle Abfolge herausstach:
Es war am vierten Tag meiner Wanderung, als ich am Morgen an den Strand von Patara kam. Ein riesiger Sandstrand, breit und Kilometer lang und bekannt für seine Schildkröten.
Ich hatte jedoch kein Wasser und Essen mehr und lief deshalb von dort ins Landesinnere in der Hoffnung dort etwas zu finden. Hinter dem Strand liegt ein Moor und die Feuchtigkeit und Sonne nutzend, haben sich dort unzählige Tomatenbauern niedergelassen. Ich habe noch nie so viele Tomaten gesehen (mir wurde gesagt besonders Deutschland und Russland werden von hier aus beliefert).
Und als ich gerade eine Pause von der Wanderung unter einem Baum machen wollte, sprach mich einer der Tomatenbauern an, erzählte mir von seiner Familie und nach einer Weile ging er weg und kam mit einer großen Tüte Tomaten zurück. Beschenkt lief ich weiter und gerade als ich mich müde all der wiederholenden Gewächshäuser fand, hielt neben mir eine Auto und bot mir an mich mitzunehmen. So saß ich also in dem Auto, wir hörten türkische Musik und er erzählte aus seinem Leben – wie so oft: Fetzen Türkisch, Fetzen Englisch und den Rest regelt Google Translate.
Als ich später weiter lief und die Sonne gerade im Begriff war unterzugehen, kam ich durch die Gegend, in der all die Arbeiterinnen und Arbeiter für die Tomatenfarmen lebten. Eine lange Straße gesäumt mit einfachen Häusern, manchmal nur Beschlägen und Hütten.
Ich lief also gerade an einem der Häuser vorbei, als ein älterer Herr mich ansprach und nach dem üblichen fragte: „Woher kommst du? Wohin gehst du?“ und als wir so ein wenig sprachen, lud er mich ein mich hinzusetzen. Die ganze Familie kam und zugleich wurde Tee, Oliven und frisches Gözleme gebracht. Und dieses Gözleme sollte es in sich haben, denn vor dem Haus befand sich ein großer Ofen und gerade in diesem Moment meines Aufenthalts wurden dort frisch diese türkischen Pfannkuchen zubereitet.
Als ich schon hochgesättigt war, wurde noch darauf bestanden mir ein Reiseproviant zusammenzustellen und mir in die Hand zu drücken.
Als ich am Ende dem Herrn noch Geld geben wollte, hat er vehement abgelehnt – ich sollte vollumfänglich eingeladen sein.
Nach dem Abschied war ich keine hundert Meter gelaufen, es war mittlerweile dunkel und der Weg war noch lang, als mir ein Rollerfahrer anbot mich mitzunehmen, er mich dann an der nächsten größeren Kreuzung absetzte, um mir dann eine Weiterfahrt auf einem Traktor zu organisieren, die mich wieder vor bis an den Strand brachte.
Es passiert oft so schnell und so unerwartet, dass der Kopf und das Herz gar nicht mitkommen alles zu verarbeiten und oft, erst wenn ich des Abends daniederliege und sich alles setzt, kommt dieses Gefühl der Wärme wie eine Welle und umhüllt mich.
4. Fotos




























5. Tagebuch
In der Paradiesbucht
Es ist noch kühl am Morgen.
Kühl und still.
Der Geruch der Pinienbäume liegt in der Luft.
Nur ein paar Vögel singen und von unten dringt der Klang der Wellen, wie sie gegen die Klippen schlagen.
Das Wasser ist türkis am Rand und wird tief blau je weiter es hinaus geht.
Noch eine Bucht weiter, noch über eine Kuppe drüber, und dann bist du da.
Sie wird die Paradiesbucht genannt.
Du ziehst die Sandalen aus, läufst durch den weichen Sand ans Wasser und stellst dich in die Wellen.
Jede Welle umspielt dich, jede Welle auf ihre Weise und wenn du genau hinhörst, kannst du ihre Melodien hören.
Das Donnern der Welle, wenn sie sich endlich im Sturz erlöst und es am Ende ihrer Reise nochmal so richtig krachen lässt.
Das Zischen des Schaumes, Zeuge dieser fulminanten Feier, ganz so als ob ein riesengroßes Bier eingeschenkt worden wäre.
Das Murmeln der vielen kleinen Steine, die wie Krebse der nahezu schon verschwundenen Welle hinterherlaufen, um auch in der Weite des Meeres aufzugehen.
Und wieder von vorn. So spielt die Melodie.
Und dann kommt die eine Welle und spritzt dich bis zur Hüfte nass – „ja mein Lieber, schreiben kannst du über uns so viel du willst, aber am Ende tanzt hier immer noch alles nach unserer Musik.“
6. Witzecke
Es ist ja so, manchmal geht einem als Wanderer einfach der Gaul durch. Sei es aus Langeweile oder sei es um den Strapazen wie Hunger, Durst, Muskelschmerz oder anderem zu entfliehen.
Diese Rubrik ist also dem Gaulenschmaus gewidmet.
Der Nachthimmel der Türkei
Der Nachthimmel der Türkei ist ja höchst sonderbar.
Der Mond nimmt entweder die Form einer Schüssel oder die einer Haube an.
Der große Wagen indes erscheint hier im besten Fall gekippt, ansonsten einfach ausgeleert.
Und das hat folgende Legende:
Es lebte einmal der erwürdige Bürgermeister von Kaleçite, einmal kleinen verschlafenen Vorort von Damantiğü. Er war ein ruhiger Mann und wenn er etwas sagte, dann war es immer wohl überlegt. Gerade dafür wurde er allerseits in dem Dorf sehr geschätzt.
Neben dem Regieren hatte dieser Bürgermeister aber auch noch eine Tätigkeit, der er sehr gerne nachging: das war das Schwimmen. Denn man muss dazu wissen, dass dieses Dorf ein sehr großes Schwimmbad hatte, auf das die Leute sehr stolz waren.
Jeden Morgen ging also der Bürgermeister von Kaleçite schwimmen. Fein säuberlich legte er am Abend zuvor seine Badekappe neben die Haustür, damit er sie am Morgen nicht vergesse. Im Schwimmbad angekommen setzte er dann seine Badekappe auf und schwamm seine Bahnen. Jeden Tag, seit 40 Jahren ging das so.
Doch eines Morgens, wachte er ganz übermüdet auf. Denn der vorhergehende Abend ging lang, es wurde nämlich über eine Erweiterung des Schwimmbads diskutiert und dazu hat jede und jeder im Dorf etwas zu sagen. Zu allem Überfluss hatte er, als er von dem langen Abend nach Hause kam, auch noch vergessen seine Schwimmkappe herauszulegen.
Als er dann so übermüdet am Morgen im Schwimmbad ankam, fiel ihm erst dort auf, dass er anstatt der Badekappe, die Schüssel, in die er die Badekappe neben der Tür zu legen pflegte, mitgenommen hatte.
Und so gefasst, wie er alle Zeit sonst war, nein, das war zu fiel für ihn. Und er rief den berühmten Spruch aus: „Esçe kon mürhan yak waliham!“. Was übersetzt so viel bedeutet wie „Ja da kippt mir doch einer die Schubkarre aus!“. Er rief es so wie wir etwas rufen würden wie „Ja, das ist ja zum Mäuse melken!“ oder „Ja, da dreht sich doch der Hund im Grab um!“, genau so rief also der Bürgermeister von Kaleçite in dem Moment als er bemerkte, dass er seine Schüssel mit der Badekappe verwechselt hatte „Esçe kon mürhan yak waliham!“.
Nun hatte Bürgermeister Glück, denn so früh am Morgen war sonst niemand im Schwimmbad zugegen, der seinen Aufschrei hätte hören können. Doch die Sterne und der Mond, die hörten seinen Aufschrei sehr wohl.
So kommt es also, dass in der Türkei seitdem die Sterne und der Mond den Bürgermeister von Kaleçite mit Haube, Schüssel und umgedrehtem großem Wagen am Nachthimmel verewigen.
7. Meditation
Es war am zweiten Tag, ich lief schon eine Weile, es war heiß und das Wasser wurde knapp. Eine eingezeichnete Quelle war vertrocknet und ich teilte mir das letzte Wasser ein, nicht wissend, wann die nächste Wasserstelle kommen würde. Da wurde ich am Wegesrand überrascht, dort stand eine alte Couch und daneben war eine frische, sprudelnde Wasserstelle. Doch als ich näher kam, sah ich, dass ich nicht der einzige Gast war, der sich des frischen Wassers erfreute: es brummte und summte und dort wo das Wasser über den Stein floß, tranken die Bienen das beste Getränk unter der Sonne.
So bildet dies nun den Abschluss dieser Ausgabe, ein Bild dieses Ortes und die Musik des selbigen zum Innehalten dazu.
